Was ich vom Wandern in den Alltag mitnehme

Ich bin mit meiner Schwester den Oberlausitzer Bergweg gewandert. Von Neukirch bis Zittau im Dreiländereck von Deutschland, Polen und Tschechien.

Meine erste größere Wanderung. 115 Kilometer in sechs Etappen. Manche 15 Kilometer lang, manche 20 oder 25. Mit einigen Höhenmetern, die es in sich hatten. Übernachtet haben wir in Wanderhotels und Pensionen. Immer an einem anderen Ort. Wetter von Sonne bis Dauerregen.

Es war toll!

Ich bin freu mich auch schon auf die nächste Wanderung (Rheinsteig vielleicht?) und gucke schon mal nach der ein oder anderen Tagestour für zwischendurch. Ich hatte keine Ahnung, dass es im Ruhrgebiet so viele tolle Wanderrouten gibt!

Was am Wandern ist eigentlich so großartig?

Ich frage mich aber auch, was genau an dieser Erfahrung so großartig war. Im Dauerregen zu wandern, mit ein bisschen Schiss vor einem Gewitter mitten im Gebirge, mit schmerzenden Blasen an den Füßen und einem sieben-acht-neun Kilo schweren Rucksack auf dem Rücken, mit Erfahrungen der totalen Erschöpfung und nicht mehr atmen können mitten beim Anstieg mit gefühlten 99 Prozent Steigung.

Totale Erschöpfung (Foto: Sabrina Radeck)

Aber eben auch mit einem grandiosen Naturerlebnis, mit im (angenehmen Sinne) atemberaubenden Ausblicken von Gipfeln, mit überraschenden Entdeckungen am Wegesrand und schönen bis sogar sehr inspirierenden Begegnungen mit Menschen, Einheimischen und anderen Wanderern.

Es ist das Gesamterlebnis, aber auch die einzelnen Teile, die das Wandern zu einem besonderen Ereignis machen. Diese Befürchtung abends, dass man mit den schmerzenden Füßen die nächste Etappe nicht schaffen wird. Und dann geht es doch. Es muss gehen. Aber es ist auch halb so schlimm. Und auch diese Erschöpfungszustände zu überwinden. Trotzdem weiterzugehen. Einen Schritt nach dem anderen, bis man wieder im Flow ist.

Und dann steht man oben auf dem Gipfel und alle Anstrengungen sind vergessen.

Blick vom Hochwald, Sachen (Foto: Carmen Radeck)

Und auch dieses komplett raus zu sein aus dem üblichen busy Alltagstrott. Seinen Rhythmus finden, in gleichmäßigem Tempo zu gehen, die „Langeweile“ auszuhalten. Einfach nur zu gehen. Schritt für Schritt. So, dass es nach einer Weile etwas Meditatives hat. Sich nicht zu sehr in Gedanken zu verlieren, sondern sich immer wieder ins Jetzt zurückzuholen, die Natur zu beobachten, zu gucken und wirklich wahrzunehmen, was einen da so alles umgibt.

Auch sich um seine Sachen zu kümmern, sie in Ordnung zu halten, seinen Körper zu pflegen. Sich genau zu überlegen, welche Sachen man wirklich benötigt, weil man sie ja auch schleppen muss. Diese Beschränkung zum Anlass zu nehmen, zu überdenken, was man wirklich braucht.

Und dann wirklich auf seinen Körper zu achten. Ich zum Beispiel bin nicht so der große Fußpfleger. Dabei brauche ich meine Füße jeden Tag! Oder auch meine Wanderschuhe, die ich auch zu wenig gepflegt habe. Auf der Wanderung wird einem bewusst, wie wichtig es ist, sich selbst und sein Equipment in Ordnung zu halten. Man hat nur das und man braucht es jeden Tag bis zum Anschlag.

Wanderrituale

Was mir zuhause als eher lästige Pflicht erscheint, wird auf der Wanderung zu Ritualen, die einen in den Tag eingrooven und ihn ausklingen lassen. Jeden Morgen den Rucksack wieder neu packen, die Füße mit Hirschtalg eincremen, die Wanderschuhe sorgfältig schnüren oder abends in der Unterkunft seine Sachen, seine Sachen auszupacken, zu trocknen, zu prüfen, ob noch alles in Ordnung ist, und sich die Route für den nächsten Tag anzugucken.

Wichtigstes Ritual: Füße pflegen! (Foto: Sabrina Radeck)

Ich bin ja großer Fan von täglichen Ritualen. Sie helfen einem dabei, sich zu erden, im Tag anzukommen, sich bereit zu machen für die Aufgaben, die auf einen warten, wieder zur Ruhe zu kommen, wenn’s mal schwierig oder stressig wird oder es eben auch so einen ständigen Wechsel der Unterkünfte beispielsweise gibt. Das Ritual gibt einem immer eine Konsistenz, etwas, zudem man zurückkehrt.

Das hat mir beim Wandern genauso geholfen, wie es mir im Alltag dabei hilft, in den Tag zu starten. Allerdings habe ich festgestellt, dass mein eingespieltes Morgenritual aus dem Alltag auf der Wanderung nicht funktionierte. Dafür habe ich andere Rituale entwickelt. Vielleicht sind Rituale kontext- oder saison-abhängig.

Was ich am Wandern besonders mochte, war, dass man ein festes Ziel hat, das man an einem Tag erreichen will und kann und irgendwie auch muss. Man hat eine feste Route, die einen ans Ziel führt, aber was einen dort alles erwartet, weiß man nicht. Es gibt schöne und großartige Momente, es gibt Durststrecken und es kann einen sogar an Grenzen der Belastbarkeit bringen. Aber am Abend, wenn das Ziel erreicht ist – vielleicht auch über eine anderen als den vorgezeichneten Weg – dann ist so ein Gefühl der Zufriedenheit da. Man hat was geschafft. Das Tagesziel erreicht. Man hat durchgehalten. Und motivierende Erlebnisse gehabt.

Happy Hiking! (Foto: Sabrina Radeck)

Was, wenn man dieses Wandererlebnis auch auf den (Arbeits-)Alltag adaptiert?

Inspiriert von einem schönen Artikel von Rosie Spinks zum Thema Adaption (in einem etwas anderen Kontext) hab ich mir überlegt, was ich denn vom Wandererlebnis auf meinen Alltag übertragen kann.

Also listen wir sie doch mal auf, die einzelnen Elemente einer Wanderung auf:

  • Plan der kompletten Wanderroute in einzelne Etappen eingeteilt, was an einem Tag machbar ist
  • Karte mit den eingezeichneten Wanderwegen
  • Equipment: Rucksack, Schuhe, Kleidung, Werkzeuge, was braucht man wirklich und wofür
  • Rituale (Füße pflegen, Schuhe sorgfältig anziehen, am Abend vorher die Route für den nächsten Tag studieren, Rucksack aus- und wieder einpacken, Wetter checken…)
  • loslaufen
  • Rhythmus finden
  • Pausen machen
  • Das Tempo rausnehmen
  • Die Umgebung bewusst wahrnehmen, sich aus dem Grübeln zurückholen
  • Schmerzen, Erschöpfung aushalten
  • auf seinen Körper hören
  • Langeweile aushalten
  • Ein Schritt nach dem anderen
  • Sich Zeit nehmen für Begegnungen mit Menschen, Tieren, Natur
  • Equipment und Körper pflegen

Was davon kann und möchte ich in meinen (Arbeits-)Alltag übertragen?

  • Für ein Projekt eine Wanderroute festlegen mit Tagesetappen bzw. einzelnen Etappen, mit Highlights und vielleicht einer Einschätzung der Anstrengungen (Höhenmeter), wo Durststrecken liegen können oder sie einfach auszuhalten
  • Highlights markieren, was macht Spaß, was gibt es zu erleben
  • Langeweile oder schwierige Passagen aushalten
  • Welches Equipment brauche ich
  • Alles an seinem Platz
  • Auf den Körper achten
  • Equipment und Körper pflegen und in Ordnung halten
  • Einen Schritt nach dem anderen machen

Update am 19. September 2021